Sonntag, 19. Juni 2011

"Ihre Tochter ist nicht krank, sie ist eine Tänzerin."



Sir Ken Robinson erzählt in einem Vortrag eine beeindruckende Geschichte von Gillian Lynne, einer berühmten Tänzerin (sie hat die Musicals "Cats" und "Phantom der Oper" choreografiert).
Gillian und ich aßen eines Tages zusammen und ich fragte: "Gillian, wie wurdest du eine Tänzerin?" Und sie sagte, es war interessant: Als sie in der Schule war, war sie wirklich hoffnungslos. Und die Schule in den 1930ern schrieb ihren Eltern: "Wir glauben, Gillian hat eine Lernschwäche." Sie konnte sich nicht konzentrieren, sie zappelte herum. Ich denke, heute würden Sie sagen, sie hat ADHS. Denken Sie nicht? Aber in den 1930ern war ADHS noch nicht erfunden worden. Es war also kein verfügbarer Zustand. Die Leute wussten noch nicht, dass sie das haben könnten.
Egal, sie ging zu einem Spezialisten. Ein mit Eiche getäfelter Raum und sie war dort mit ihrer Mutter, sie saß in einem Stuhl am Ende des Raums und sie saß dort 20 Minuten auf ihren Händen, während der Mann mit ihrer Mutter über all die Probleme sprach, die Gillian in der Schule hatte - weil sie die Leute störte, ihre Hausaufgaben zu spät machte und so weiter, ein kleines achtjähriges Kind. Und zum Schluss setzte sich der Doktor neben sie und sagte: "Gillian, ich habe all diese Dinge gehört, die deine Mutter mir erzählt hat und möchte jetzt allein mit ihr sprechen. Warte doch hier, wir werden gleich zurück sein, es dauert nicht lange."
Und sie gingen und ließen sie dort. Aber als sie den Raum verließen, stellte er das Radio an, das auf seinem Tisch stand. Und als sie draußen waren, sagte er zu ihrer Mutter: "Bleiben Sie hier und schauen Sie ihr zu." Und sobald sie draußen waren, erzählte sie, war sie auf ihren Füßen und bewegte sich zur Musik. Sie sahen ihr einige Minuten zu und dann drehte er sich zu ihrer Mutter und sagte:
"Frau Lynne, Gillian ist nicht krank, sie ist eine Tänzerin. Bringen Sie sie zu einer Tanzschule."
Ich fragte: "Was ist passiert?"
Sie sagte: "Sie tat es. Ich kann kaum beschreiben, wie toll das war. Wir kamen in diesen Raum und er war voller Menschen wie mir. Menschen, die nicht still sitzen konnten. Menschen, die sich bewegen mussten, um zu denken."
Sie machten Ballett, sie machten Stepptanz und Jazz, sie tanzten moderne und zeitgenössische Tänze. Sie konnte schließlich für die Royal Ballet School vorsprechen, wurde eine Solistin, sie hatte eine wundervolle Karriere beim königlichen Ballett. Sie graduierte an der Royal Ballet School und gründete ihre eigene Firma, die Gillian Lynne Dance Company, traf Andrew Lloyd Webber. Sie ist verantwortlich für einige der erfolgreichsten Musicalproduktionen der Geschichte, hat Millionen Menschen erfreut und sie ist eine Multimillionärin. Jemand anderes hätte ihr Medizin verschrieben und gesagt, sie solle sich beruhigen.
Die Geschichte eines Weltsuperstars findest du vielleicht ein wenig fern von der "normalen" Realität. Ich werde dir auch noch Geschichten erzählen, von Menschen wir dir und mir. Neulich wurde in einer Sendung (leider habe ich sie bisher nicht wiedergefunden zum verlinken) von einem Mädchen berichtet, das seit seinem dritten oder vierten Lebensjahr leidenschaftlich gern Ballett tanzte. Dieses musste sie nun aufgrund der Anforderungen in und um die weiterführende Schule aufgeben. Das fand ich sehr traurig. Hat sie da nur ein Hobby aufgeben müssen aufgrund wichtigerer Dinge, die sie angeblich auf ihr Leben als Erwachsene vorbereiten sollen? Oder musste sie eines der wichtigsten Dinge, die ihrem Leben Freude und Sinn verliehen, aufgeben für etwas, das sie wenig(er) interessiert, das ihr wenig oder keine Freude macht, dessen Sinn sie kaum nachvollziehen kann und das ihr für IHRE Zukunft vielleicht viel weniger nützlich ist, als andere Leute denken? Was denkst du?


Wer mehr über Gillian Lynne wissen möchte, findet hier ihre offizielle Website.

1 Kommentar:

  1. Ich tanze neben der Schule auch. Ich bin jetzt in der 10. Klasse und habe 3x die Woch bis 15:15 Uhr unterricht. Ich habe auch dreimal die Woche Training, da ich in einer Wettkampfformation bin. An 2 Trainingstagen komme ich nach der Schule nach Hause und habe max. eine viertel Stunde (wenn der Buss punktlich kommt) und dann muss ich wieder los zum Training. Nach dem Training bin ich frühestens halb acht Zuhause. Meistens später. Dann muss ich noch Hausaufgaben machen und lernen. Noch funktioniert das alles, aber im nächsten Jahr habe ich unter Umständen manchmal bis 17 Uhr Schule und dann schaffe ich es nicht mehr zum Training. Dabei ist es mir wirklich sehr wichtig! Ich hoffe, dass ich deswegen nicht mit dem Tanzen aufhören muss.

    AntwortenLöschen