Samstag, 25. Juni 2011

Weitere Gedanken zum Faulsein

"Aber man muss Schüler zwingen, etwas zu lernen", sagte mir einst jemand, "ich war ein total fauler Schüler, ich hätte sonst nichts gelernt."

Ich glaube nicht, dass er nichts gelernt hätte. Stell dir vor, du könntest ganz allein bestimmen, was du lernst, wie du lernst, wann du lernst und wie lange du lernst. Dann hättest du sicher nicht das Gefühl, faul zu sein, höchstens, wenn du deinen eigenen Ansprüchen oder Erwartungen nicht gerecht wirst. In diesem Fall ist es ratsam, einmal deine Ansprüche zu überdenken und deine Erwartungen zu hinterfragen und eventuell zu verändern.

Was bedeutet (hier) eigentlich "faul"?
Faulheit ist "der mangelnde Wille eines Menschen, zu arbeiten oder sich anzustrengen". Ich gehe davon aus, dass dieser "mangelnde Wille" immer einen guten Grund hat. Dieser gute Grund findet sich in dem Fehlen einer oder mehrerer Voraussetzungen für gutes Lernen oder Arbeiten, welche ich im vorangegangenen Beitrag aufgelistet habe.
Will ich Dinge lernen, die mich nicht interessieren?
Will ich Dinge lernen, die andere mir vorschreiben?
Will ich Dinge lernen, die mir sinnlos erscheinen bzw. deren Sinn ich nicht erkenne?
Will ich Dinge lernen, die für mich zum jetzigen Zeitpunkt nicht wichtig oder nützlich sind?
Will ich Dinge auf eine Weise lernen, die mir jemand aufdrückt, obwohl mir viel bessere Strategien einfallen (oder vielleicht fallen mir erst mal keine besseren ein, aber die vorgeschlagene Strategie passt trotzdem nicht zu mir)?
Will ich Dinge lernen, obwohl ich aus den verschiedensten Gründen nicht bereit dazu bin (dazu zähle ich auch eine entwicklungsbedingte, sozusagen "biologische" Bereitschaft: Es ist noch nicht der richtige Zeitpunkt für mich)?
Und vor allem: Will ich das alles lernen, wenn mir viel spannendere, interessantere und wichtigere Dinge einfallen, mit denen ich gern meine Zeit verbringen würde?

Meine "Faulheit" gibt es nur, wenn es jemanden gibt, der bestimmte Erwartungen an mich hat, die ich nicht erfülle. Von Geburt an wachsen wir auf in einer Umgebung voller Erwartungen von Seiten der Erwachsenen. Die Erwartungen, die an uns gestellt werden (was wir zu tun oder nicht zu tun und wie wir zu sein oder nicht zu sein haben) müssen nicht immer dem entsprechen, was für uns und unsere Entwicklung gut und richtig ist. Aber wir sind es von Anfang an gewohnt, uns an den Erwartungen anderer zu orientieren, denn das ist es, was uns anhand verschiedener "Konsequenzen" (Lob, Kritik, Belohnung, Bestrafung, Schulnoten...) unsere Leben lang beigebracht wurde.

Ich habe irgendwann gemerkt, dass Erwachsenwerden bedeutet, sich von fremden Erwartungen zu befreien. Es bedeutet, zu lernen, meine Erwartungen an mich von den Erwartungen, die andere an mich haben, zu unterscheiden (das klingt vielleicht banal, kann aber manchmal irre schwer sein).

Und was heißt das für die Faulheit? Ich habe einmal ein wunderschönes Zitat gelesen, das dir vielleicht hilft, diese Frage zu beantworten:
"Nichts, was aus dir wird, kann mich enttäuschen; ich habe keine vorgefasste Meinung, was du sein oder tun sollst. Ich habe keinerlei Wunsch, dich vorherzusehen, nur den, dich zu entdecken. Du kannst mich nicht enttäuschen."
          (Mary Haskell - ich glaube, das ist eine Sängerin, vielleicht stammt es aus einem ihrer Songs) 

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