Mittwoch, 19. Oktober 2011

"Gu-ten Mor-gen, Herr Leeeh-rer!"

Ich wohne gegenüber eines Gymnasiums. An einem warmen Sommertag vor den Ferien - alle Fenster unserer Wohnung und auch die der Schule waren weit aufgerissen - hörte ich plötzlich einen Kinderchor "Gu-ten Mor-gen, Herr So-wie-so!" salutieren. In dem Moment hielt ich etwas irritiert inne. Ist das heute immer noch aktuell, dass Schüler gemeinschaftlich aufstehen und den Lehrer einstimmig begrüßen (müssen)? Ich selbst kenne das Salutieren noch aus den ersten beiden Schuljahren in der damaligen DDR (damals hatte meine Lehrerin noch einen Jungen am Ohr packend vor die Tür verwiesen). Danach habe ich es nie wieder in meiner Schullaufbahn erlebt.

Eine befreundete Lehrerin, die an dieser Schule unterrichtet, erzählte mir, als ich sie darauf ansprach, dies sei dort Brauch - allerdings nur in der Unter- und Mittelstufe. Das sei ein gutes Ritual, um den Unterricht zu beginnen und die Aufmerksamkeit aller Schüler auf den Lehrer zu lenken. Hm...

Ich denke an dieser Stelle, wenn es darum geht, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, könnte man das ja auch anders machen. Mit einem Glöckchen klingeln oder kurz mit einer Pfeife pfeifen - aber, sind wir in der Hundeschule? Freundlich "Guten Morgen, Leute, wir wollen anfangen" rufen, wäre vielleicht respektvoller. Und ist es dann nötig, dass alle gemeinschaftlich als Aufmerksamkeitsbeweis im Chor antworten (bzw. die Standardbegrüßung herunterleiern)?

Warum nur bei den jüngeren Schülern? Weil es den Älteren gegenüber respektlos wäre (denn sowas verlangt und erwartet man von Erwachsenen nicht)? Heißt das, den Jüngeren gegenüber ist es nicht respektlos? Oder heißt es, es macht nichts, den Jüngeren gegenüber respektlos zu sein? 

Die Jüngeren hinterfragen das Ganze noch nicht. Sie verhalten sich konform, sie wollen dazugehören. Das Gefälle zwischen Kind und Erwachsenem ist noch groß genug.

Auf jeden Fall soll diese Geste dem Erwachsenen Respekt zollen, nehme ich an. Tut sie das? Haben Schüler dadurch Respekt vor dem Lehrer? Oder haben sie Angst? Abneigung? Ist erzwungener Respekt wünschenswert? Was lernen junge Menschen daraus? 

Was ist, wenn sie den Lehrer nicht mögen oder als unfair erleben? Erleben sie diese Geste dann als gespielt oder falsch oder entwürdigend? Ist diese Form der Begrüßung überhaupt an sich entwürdigend?

Was ist, wenn sie den Lehrer gerne mögen und ihn schätzen? Fühlt sich diese Geste dann nicht auch künstlich und falsch an? Schafft sie Nähe oder Distanz?

Was trägt diese Begrüßungsgeste zur Beziehungsgestaltung zwischen Lehrer und Schülern bei? Ich bin hier oben und du bist da unten? Ist eine gleichwürdige Beziehung möglich?

Wenn ich ein Seminar mit einer Gruppe Erwachsener leite, begrüße ich alle und suche den Blickkontakt und erwarte freundlich, dass sie ihre Aufmerksamkeit nun auf mich lenken. Aber, ich hab's auch leicht, denn in diesen Situationen wollen die Leute ja auch was von mir hören. Wollen Schüler was vom Lehrer hören? Wenn ja, werden sie ihm von sich aus ihre Aufmerksamkeit schenken. Und wäre das nicht ein schönes Gefühl für den Lehrer, zu wissen, dass die Schüler ihm gern ihre Aufmerksamkeit schenken? 

Wenn eine Aufmerksamkeitsgeste standardmäßig erwartet wird, haben diejenigen, die gerne Aufmerksamkeit schenken wollen, überhaupt die Gelegenheit, dies zu tun? Oder können sie gar nicht schenken, was von ihnen verlangt wird?

Ich gehe davon aus, dass die Lehrer oft in der bedauernswerten Lage sind, dass Schüler ihnen nicht zuhören wollen. Keine schöne Situation für sie - und keine Einfache. Aber kann eine erwartete gemeinschaftliche Höflichkeitsfloskel über diese Tatsache hinwegtäuschen? Wenn du mir nicht zuhören willst, muss ich dich dazu bringen, zwingen, es dir abringen - wie man es nennen will, es ist eigentlich die einzige Möglichkeit, in einem Kontext Aufmerksamkeit zu bekommen, in dem die Aufmerksamkeit nicht geschenkt werden will (zu verlangen, im Chor zu salutieren ist da nur eine Möglichkeit). Willkommen in der Schule!

Es wäre natürlich für alle wünschenswerter, den Kontext so zu verändern, dass Schüler Aufmerksamkeit schenken wollen, dass sie es gerne tun. Voraussetzung wäre, dass sie wieder gerne lernen wollen, Spaß daran haben, frei sind von Druck und Angst. Dazu gibt es viele, viele Ideen und Verbesserungsvorschläge und viele Menschen, die sich teilweise sehr intensiv dafür einsetzen. Aber es ist alles andere als einfach. Ich denke, solange unser Schulsystem ein Zwangssystem ist, kann dies nicht wirklich gelingen.

Wieviel Kopfschmerzen könnten wir uns ersparen, wenn wir Kinder als Partner im Lebensprozess begriffen, anstatt sie als Lehrlinge der Erwachsenen zu sehen! Wieviel könnten wir uns gegenseitig lehren - wir haben die Erfahrung, sie die Frische. Wie erfüllt unser beider Leben sein könnte!     - JOHN A. TAYLOR -

Kommentare:

  1. Oh, ich hätte gar nicht gedacht, daß Dir das so fremd ist - ich kenne es nämlich noch. Ich erinnere mich, daß auch noch in der Mittelstufe die meisten Lehrer das erwartet haben. Manche Lehrer haben uns sogar getadelt, wenn wir sie nicht so begrüßten, und bestanden darauf, daß wir das dann nachholen - was noch viel lächerlicher war! Genauso, wie wenn man einem Kind sagt, es solle sich entschuldigen oder bedanken - wenn es das dann tut, dann nur, weil man es ihm befohlen hat...
    Es wird dadurch keinesfalls Respekt ausgedrückt. Bei Lehrern, die man nicht mag, leiert man es eben gezwungen herunter, und bei denen, die man mag, macht man es auch, weil man schon so konditioniert ist, aber bei diesen Lehrern machen gerade die kleinen Erlebnisse, die von diesen erzwungenen Ritualen abweichen, den Unterschied, denn solche gibt es nicht mit jedem Lehrer. Und es stimmt, dieses Erzwungene sorgt schon dafür, daß die positive Beziehung zu dem Lehrer darunter leidet, weil man dadurch wieder auf so eine gesichtslose Schüler-Hülle reduziert wird... Es gibt auch durchaus wenige Lehrer, die auf die Beziehung zu ihren Schülern so viel Wert legen, daß sie auf solche Zwangsrituale verzichten...

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  2. Danke für den schönen Kommentar - nein, ich kannte das so nicht (oder hab ich es verdrängt??)

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  3. Oha, einen Menschen begrüßen zu müssen ist wirklich eine Zumutung. Und dann auch noch standardisiert. Es wäre sicher viel netter und vor allem praktikabler, wenn jeder etwas anderes sagt. Oder den Lehrer anschweigt. Oder wie wäre es mit einem kurzen Gespräch zwischen Lehrer und dem einzelnen Schüler- zu Beginn jeder Stunde?
    Man kann auch aus jeder Mücke einen Elefanten machen.
    (Ich sollte aufhören diesen Blog zu lesen. Oder zumindest nicht kommentieren.)

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  4. Hallo anonymer Schreiber,
    ich danke dir für deinen kritischen Kommentar. Natürlich gibt es Menschen, die zu diesem Thema sagen "Was ist denn schon dabei" oder die sich darüber nie Gedanken machen würden. Es ist doch bereichernd, dass wir die Welt unterschiedlich wahrnehmen. Ich habe beschrieben, welche Gedanken diese Begrüßungsgeste in mir auslöste und möchte einladen, einmal über deren Wirkung und Bedeutung nachzudenken - wer möchte und sich dadurch angesprochen fühlt.
    Schule ist ein Ort, an dem Menschen tagtäglich miteinander zu tun haben (müssen). Ich finde es wichtig, einmal darüber nachzudenken, wie in diesem Rahmen Beziehungen gestaltet werden (können oder sollten) - denn oftmals werden die Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern von beiden Seiten als sehr problematisch erlebt. Ich bin der Meinung, dass solch scheinbar kleine Gesten manchmal mehr zur Beziehungsgestaltung beitragen, als man denkt; und sich zu fragen, ob sie eher Nähe oder Distanz, Vertrautheit oder Ablehnung schaffen, finde ich u.U. lohnenswert.

    Ein Gedanke, den ich auch immer wieder in meine Betrachtungen einfließen lasse, ist der, dass von jungen Menschen (Kindern) oft erwartet wird, dass sie Erwachsenen gegenüber respektvoll sind bzw. dass von den respektlosen Kindern und Jugendlichen gesprochen wird. Vor diesem Hintergrund sollten wir uns fragen, wie Erwachsene junge Menschen behandeln. Tun sie dies mit gleichem Respekt und gleichwürdig, wie sie Erwachsene behandeln? Und was bringen sie Kindern durch ihr Verhalten bei?
    Stell dir vor, in einem Erwachsenenseminar würden alle Erwachsenen aufstehen und eine standardisierte Begrüßung "herunterleiern". Welche Wirkung hätte das? Wäre es das Gleiche? Stell dir vor, dies würde erwartet werden. Wie wäre das?
    Ja, ich denke, es kann u.U. eine Zumutung sein, etwas tun zu MÜSSEN. Jeder entscheidet aber letztendlich selbst, ob er es so empfindet.
    Danke für deine Anregung!

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  5. diese begruessungsrituale hat man aber oefters mal. zB beim kampfsport. das ganze soll lediglich dazu dienen, dass ein draht hergestellt wird zwischen den beteiligten, hier also lehrer und schueler (was sich insbesondere freitag nachmittag oder nach einer schulaufgabe als schwierig gestalten kann). es ist einfach ein kleiner impuls, der dazu fuehren soll, dass man einander wahrnimmt. nicht jeder schueler bricht automatisch das gespraech mit dem nachbarn ab, wenn der lehrer durch die tuer kommt, da koennen so kleine rituale wirklich hilfreich sein.
    ich finde an diesem ritual auch nichts erniedrigendes. der schueler sagt lediglich "guten tag herr xy" und fertig. ich bin der meinung, das ist nicht dazu gedacht, ein hierarchie-gefaelle zu errichten, sondern hat ganz pragmatische gruende :)

    selbstverstaendlich koennte man das ganze auch durch andere methoden ersetzen. ich fand aber sowas wie eine klingel oder ein gong immer irgendwie albern (bereits in der grundschule).

    dennoch finde ich es prinzipiell immer gut, bereits etablierte und evtl ueberholte, alte strukturen zu ueberdenken. in diesem fall sehe ich aber wirklich keinen grund zur kritik :)

    (p.s.bin nicht der anonyme von oben :))

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  6. Den Gedanken finde ich spannend. Es spricht natürlich nichts gegen Begrüßungsrituale. Das Beispiel Kampfsport lässt mich Folgendes denken: Obwohl ich selbst nie einen Kampfsport gemacht habe, denke ich, dass so ein Ritual als Symbol für gewisse Werte, wie gegenseitigen Respekt oder Achtung des Gegenübers und Achtung vor den Regeln, die für den Kampf wichtig sind, steht. Wenn aus irgendwelchen Gründen kein wirklich empfundener Respekt vorhanden ist (z.B. weil ich mein Gegenüber vielleicht nicht mag), so ist dieses Ritual dennoch nützlich und sinnvoll, sozusagen "funktional", um den Rahmen zu wahren, der für einen Kampfsport wichtig ist. Entscheidender ist aber letztlich, ob sich jemand dann im Kampf auch fair und respektvoll verhält, wenn er dies nicht tut, ist auch das Begrüßungsritual "nichts wert" - denke ich. Diese Gedanken könnte man genauso auf Schule übertragen. Ein wichtiger Unterschied ist m.E. aber, dass ich den Kampfsport (im Gegensatz zur Schule) freiwillig gewählt habe und somit auch bereit bin, die Ideologie und die Rituale anzunehmen. Wenn ich mich damit nicht (mehr) identifizieren kann oder unwohl fühle, kann ich gehen.
    Ich weiß nicht, ob ein Begrüßungsritual, wie ich es oben beschrieben habe, ebenso von allen Beteiligten als Geste gegenseitigen Respekts empfunden wird (und nicht einseitig als Geste des Respekts der Schüler gegenüber dem Lehrer). Diese Frage spielt tatsächlich aber erst dann wirklich eine Rolle, wenn kein Respekt vorhanden ist, weil z.B. ein Schüler den Lehrer nicht mag, sich fürchtet oder ungerecht behandelt fühlt.
    Wenn es einfach eine pragmatische Begrüßung ist und alle Beteiligten das praktisch und super finden - wunderbar. Mag sein, dass das Ritual nicht gedacht ist, ein Hierarchie-Gefälle zu errichten - das Problem ist aber: tatsächlich existiert ein Hierarchiegefälle (welches von manchen vielleicht weniger, von anderen vielleicht sehr stark wahrgenommen wird) - und in dem Kontext, denke ich, sollte es schon kritisch betrachtet werden.

    Danke für deine Gedanken dazu!

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