Samstag, 7. Juli 2012

Von Philosophen & Katzenbabys oder Nicht für die Schule, sondern durch das Leben lernen wir

Vor einigen Tagen hörte ich eine Geschichte, die mich an ein ziemlich bekanntes Zitat des römischen Philosophen SENECA erinnerte (welcher übrigens vor 2000 Jahren etwa 11-16 Jahre alt war - ich fand bezüglich seines Geburtsjahres unterschiedliche Angaben). Du kennst sicherlich den Ausspruch 
"Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir." 
Ob dem so ist im Leben eines Schülers, darüber können wir diskutieren. Der Satz, den SENECA vor knapp 2000 Jahren von sich gab, lautete allerdings
"Non vitae, sed scholae discimus! - Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir!"
SENECA kritisierte die Schule seiner Zeit als weltfremd (oder lebensfremd), da seiner Meinung nach in der Schule eben für die Schule und eher weniger für das Leben gelernt werde. "Lebensweisheit liegt offener zu Tage als Schulweisheit; ja sagen wir’s doch gerade heraus: Es wäre besser, wir könnten unserer gelehrten Schulbildung einen gesunden Menschenverstand abgewinnen." - so sprach er damals. Ob seine ururalte Kritik auch heute noch Geltung findet - darüber können wir diskutieren.

Ich möchte nun von der Geschichte erzählen - einem kleinen Stück Lebensgeschichte, welches eine Mutter vor ein paar Tagen mit ihren Mitmenschen teilte: Sie durfte an diesem Morgen gemeinsam mit ihren Kindern miterleben, wie die junge Katze ihres Sohnes Junge bekam, und sie hätten sogar "Geburtshilfe" geleistet, da ein Katzenbaby sehr schwach war. Was für eine aufregende Erfahrung!
Ich selbst war als junges Mädchen bei der Geburt von drei Dackelwelpen zugegen. Jeder Mensch, der einmal eine Geburt miterlebt hat - sei es die eines Menschen oder eines Tieres - weiß, wie faszinierend und bewegend das sein kann. Gibt es ein Ereignis, das uns das "Leben" mehr spüren lässt, als dieses?

Nun, der Junge kam wegen des aufregenden Ereignisses eine halbe Stunde zu spät zur Schule (nebenbei bemerkt: es war der letzte Schultag vor den Sommerferien). Die Mutter berichtete, auf die Begründung für die Verspätung habe die Lehrerin nichts anderes zu sagen gehabt, als "dass es wichtig ist, pünktlich zu sein in der Schule und sich zu bemühen, die Regeln einzuhalten und ob er die wichtigen Formulare von mir (der Mutter, m.A.) dabei hat...".

Wir können uns nun an SENECAs Zitat erinnern. Wir können uns nun die gleiche Frage stellen, die diese Mutter sich (und uns) stellte: "Was soll mein Sohn für's Leben lernen? Das Leben oder die Bürokratie des 'guten Bürgers'?" Wir können uns die Frage stellen, was der Sohn durch diese Erfahrung gelernt haben mag.

Ich stelle mir zunächst eine andere Frage:  
Wie konnte es dazu kommen, dass unsere Vorstellung von der Bedeutung einer Institution und ihres vermeintlichen Sinnes und Zweckes dazu führt, dass Menschen so wenig "Mensch" sind? 
Beziehungsweise müssen wir uns fragen: Wie können wir das zulassen?

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich absolut nicht über die Lehrerin urteilen möchte - weder über sie als Lehrerin, noch als Mensch! Ich möchte ihr hingegen danken dafür, dass sie uns durch ihre Reaktion zeigt, was Institutionen, wie unsere "Schule", und der Glaube an alle damit verbundenen Vorstellungen, mit Menschen machen oder machen können. 

Ich bin mir sicher, würde SENECA heute diese Geschichte hören, würde er sich genauso "aufregen" wie damals (ich weiß ja nicht, ob er sich aufgeregt hat - vielleicht gelingt es Philosophen ja, die Dinge zu benennen, ohne sich aufzuregen). Die Botschaft der Lehrerin (ob gewollt oder ungewollt - das spielt letztendlich keine Rolle) war nicht nur: "Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir", sondern vielmehr:  
"Das Leben ist nicht wichtig - zumindest nicht so wichtig wie die Schule mit ihren Regeln - und, dass du diese Regeln befolgst - und zwar immer, egal unter welchen Umständen!"
Ist es das, was wir wollen? Ist es das, was junge Menschen lernen sollen? Ist es das, was ihr jungen Menschen lernen wollt? 

Könnte vielleicht der Satz gelten: 
Nicht in der Schule, sondern durch das Leben lernen wir! 
Stell dir vor, wie die Lehrerin "als Mensch" auf das freudige Erlebnis des Jungen reagiert hätte. Wie hätten die anderen Kinder reagiert? Was hätte daraus entstehen können? Kinder lieben Katzenbabys (ich pauschalisiere jetzt mal ein bisschen, aber eigentlich könnt ich darauf wetten! Ich war einmal mit einer Gruppe Studenten auf einem Wochenendseminar auf einem Bauernhof, wo zwei Wochen zuvor eine Katze Junge bekommen hatte - wir alle waren hingerissen von diesen kleinen, flauschigen Wundern des Lebens!). Welche Fragen hätten da kommen können?

Wieviele Babys hat sie bekommen? Wie lange hat das gedauert? Hat das weh getan? Sind es Jungen oder Mädchen? Können die schon laufen? Sehen? Was fressen sie? Wo kommen eigentlich die Katzenbabys her? 
Dieses Ereignis hätte Türen geöffnet, sich nicht nur mit "Biologie" zu beschäftigen, sondern auch mit "Mathematik" (Wie groß und schwer sind so kleine Katzen eigentlich? Wie schnell wachsen sie? Wann öffnen sie die Augen?) und überhaupt mit dem "Leben"! 

Möge es für den kleinen Jungen nicht so bedeutsam sein, was die Lehrerin ihn da "gelehrt" hat - außer, dass manche Menschen traurigerweise in solch bedauernswerten Situationen stecken, dass sie sich nicht des Lebens freuen, sich nicht dem Leben öffnen können oder dürfen oder wollen! Dieses Lebensereignis, das er vermutlich nie vergessen wird, gibt ihm ganz viel Stoff für seine Bildung. Er wird vielleicht darüber schreiben oder fotografieren, zeichnen, dichten... und miterleben, wie kleine Katzenkinder groß werden.
"Als mein Sohn heute morgen die Entschuldigung vorbrachte, hat sie ihn gar nicht ganz ausreden lassen - er wollte eigentlich noch sagen, dass er in den Ferien ein Tagebuch über die Geburt und die Entwicklung der Katzenkinder anfertigen möchte; er kam aber erstmal gar nicht dazu....Das finde ich das Traurigste an der Sache: fehlende Empathie einer Person, an der die Kinder sich orientieren (sollen/können)."
Ich möchte zum Schluss noch einmal auf SENECA zurückkommen, denn er hatte damals noch mehr kluge Worte von sich gegeben. In Briefen an seinen jungen Freund Lucilius schrieb er ihm einige Weisheiten. Er riet ihm, nur mit solchen Menschen zu verkehren, die ihn besser machen oder die er bessern könne. Daraus entstehe eine Wechselwirkung.

"Die Menschen lernen beim Lehren."
 "Man lernt, solange man lebt."

und eine ganz wichtige Botschaft - nicht nur an Lucilius:
"Lerne dich freuen. Glaube mir, es ist eine ernste Sache um die wahre Freude."


Ich danke ganz herzlich der Mutter für das Teilen dieser Geschichte.
Und herzlichen Dank an Nova für die freundliche Genehmigung ihres Fotos (wer noch mehr Bilder sehen möchte, schaue hier).  

Falls du dich für Lebensgeschichten von Schülern interessierst, gefallen dir vielleicht auch diese Beiträge: 
"Über (frei) lernende Schulschwänzer"
Das bezaubernde, perfekte Mädchen - Schulnotengeschichte zum Nachdenken

Links:
Weitere Seneca-Zitate aus "Geflügelte Worte - Zitate, Sentenzen und Begriffe in ihrem geschichtlichen Zusammenhang", Hrsg. K. Böttcher

Kommentare:

  1. Hola FranKlin, Erwaehnung in Form eines Linkes oder auch von casa-nova-tenerife.blogspot.com als Bildunterschrift ist in Ordnung bzw. auch wuenschenswert, auch wenn das @ noch zu sehen ist.

    Zu deinem Post: es ist sehr traurig wie die Lehrerin da reagiert hat, denn gerade in der heutigen Zeit wo teilweise die Kinder wirklich noch nie eine Geburt eines Tieres miterleben konnte, meinen die schwarzen Kuehe wuerden Kaffee geben usw.

    Hier ist es Gott sei Dank noch anders, hier gibt es noch viel Anschauungsunterricht und auch der Loro Parque infomiert immer wenn z. B. eine gesund gepflegte Schildkroete wieder ins Meer entlassen wird.

    Es gibt noch einen schoenen Spruch den ich gerne teile:

    "Man wird so alt wie eine Kuh, man lernt immer noch dazu"

    ...und sicherlich ist Schule, eine gute Ausbildung sehr wichtig, aber auch der Alltag und das Leben lehrt.


    Liebe Inselgruesse
    Nova

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  2. Meine Tochter war auch einen Tag nicht in ihrer ´Freien Schule´ wegen Katzenbabysgeburt. Während die Schüler offiziell relativ frei wählen dürfen, was sie in der ´Fächerzeit´ machen, wurde meiner Tochter am nächsten Tag aufgetragen einen Aufsatz über das Erlebnis zu schreiben. ´Nur´ gut gemeint, oder eine Kontrolle, ob ihr Fehlen wirklich wegen dieses Ereignisses war ? (Meine Tochter war zu der Zeit immer wieder ein paar Tage krank, weil sie der Schulalltag sehr streßte.)

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