Samstag, 21. Juli 2012

Vielleicht bist du der Adler, der nicht fliegen wollte...

Der in Anamabu in der Goldküste, dem heutigen Ghana, geborene James Aggrey (1875-1927) schrieb einst eine sehr weise Geschichte: 

Die Geschichte vom Adler, der nicht fliegen wollte
Ein Mann ging in den Wald, um einen Vogel zu fangen, den er mit nach Hause nehmen konnte. Er fing einen jungen Adler, brachte ihn heim und steckte ihn in den Hühnerhof zu den Hennen, Enten und Truthühnern. Und er gab ihm Hühnerfutter zu fressen, obwohl er ein Adler war, der König der Vögel.
Nach fünf Jahren erhielt er den Besuch eines naturkundigen Mannes. Und als sie miteinander durch den Garten gingen, sagte der: 
"Dieser Vogel dort ist kein Huhn, er ist ein Adler!"
"Ja", sagte der Mann, "das stimmt. Aber ich habe ihn zu einem Huhn erzogen. Er ist jetzt kein Adler mehr, sondern ein Huhn, auch wenn seine Flügel 3 Meter breit sind."
"Nein", sagte der andere. "Er ist immer noch ein Adler, denn er hat das Herz eines Adlers. Und das wird ihn hoch hinauffliegen lassen in die Lüfte."

"Nein, nein", sagte der Mann, "er ist jetzt ein richtiges Huhn und wird niemals fliegen."

Darauf beschlossen sie, eine Probe zu machen. Der naturkundige Mann nahm den Adler, hob ihn in die Höhe und sagte beschwörend: 
"Der du ein Adler bist, der du dem Himmel gehörst und nicht dieser Erde: Breite deine Schwingen aus und fliege!"
Der Adler saß auf der hochgereckten Faust und blickte um sich. Hinter sich sah er die Hühner nach ihren Körnern picken, und er sprang zu ihnen hinunter. Der Mann sagte:
"Ich habe dir gesagt, er ist ein Huhn!"
"Nein", sagte der andere, "er ist ein Adler. Versuche es morgen noch einmal!" 

Am anderen Tag stieg er mit dem Adler auf das Dach des Hauses, hob ihn empor und sagte: 
"Adler, der du ein Adler bist, breite deine Schwingen aus und fliege!" 
Aber als der Adler wieder die scharrenden Hühner im Hofe erblickte, sprang er abermals zu ihnen hinunter und scharrte mit ihnen. Da sagte der Mann wieder: 
"Ich habe dir gesagt, er ist ein Huhn!"
"Nein", sagte der andere, "er ist ein Adler, und er hat immer noch das Herz eines Adlers. Laß es uns noch ein einziges Mal versuchen. Morgen werde ich ihn fliegen lassen!"

Am nächsten Morgen erhob er sich früh, nahm den Adler und brachte ihn hinaus aus der Stadt, weit weg von den Häusern an den Fuß eines hohen Berges. Die Sonne stieg gerade auf, sie vergoldete den Gipfel des Berges, jede Zinne erstrahlte in der Freude eines wundervollen Morgens. Er hob den Adler hoch und sagte zu ihm: 
"Adler, du bist ein Adler. Du gehörst dem Himmel und nicht dieser Erde. Breite deine Schwingen aus und fliege!" 
Der Adler blickte umher, zitterte, als erfülle ihn neues Leben - aber er flog nicht.
Da ließ ihn der naturkundige Mann direkt in die Sonne schauen. Und plötzlich breitete er seine gewaltigen Flügel aus, erhob sich mit dem Schrei eines Adlers, flog höher und höher und kehrte nie wieder zurück.
James Aggrey, der diese Geschichte zu der Zeit schrieb, als noch alle Länder Afrikas unter der Herrschaft der Europäer war, beendete diese mit den Worten: "Völker Afrikas! Wir sind nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, aber Menschen haben uns beigebracht, wie Hühner zu denken und noch denken wir, wir seien wirklich Hühner. Aber wir sind Adler. Darum breitet Eure Schwingen aus und fliegt! Und seid niemals zufrieden mit den hingeworfenen Körnern." 

Ich würde sie gern mit folgenden Worten beenden: 
Ihr lieben jungen Menschen, liebe Schülerinnen und Schüler! Die Erwachsenen haben euch beigebracht, dass Ihr erst noch vollwertige Menschen werden müsst, dass sie euch dazu machen müssen, dass ihr nur "Kinder" seid, die "erzogen" werden müssen, "Minderjährige" ohne (oder zumindest mit eingeschränktem) Recht auf Selbstbestimmung. Sie bringen euch bei, so zu werden, wie sie wollen, dass ihr werdet (anstatt zu werden, wer ihr seid). Sie bringen euch bei, euch zu sehen, wie sie euch sehen (anstatt euch zu sehen, wie ihr euch seht). Sie bringen euch bei, zu wollen, was sie wollen (anstatt herauszufinden, was ihr wollt). Sie bringen euch bei, was ihr denken sollt (anstatt euch selbst denken zu lassen). Sie bringen euch bei, zu lernen, was sie euch vorgeben (anstatt dem nachzugehen, wohin euch eure angeborene Neugier führt, euer Wissenshunger, euer Bedürfnis danach, diese Welt zu verstehen). Sie bringen euch bei, dass ihr funktionieren müsst und keine Fehler machen dürft (anstatt dass Fehler die Quelle allen Lernens sind). Sie bringen euch bei, zu leben, wie sie wollen, dass ihr lebt (anstatt herauszufinden, wie ihr euer eigenes Leben leben wollt).

Genausowenig, wie die Afrikaner Grund hatten, sich minderwertig zu fühlen im Vergleich zu den "mächtigen weißen Herren", solltet ihr euch minderwertig fühlen im Vergleich zu den "Erwachsenen". Es gibt keinen Grund, euch als minderwertig zu behandeln, euch also zu bewerten, zu beurteilen, zu bestrafen, zu manipulieren, zu "erziehen" und zu belehren. (Stellt euch vor, die Erwachsenen würden mit anderen Erwachsenen ganz genauso reden und umgehen, wie mit euch - wäre das seltsam?)

Auf dieser Seite fand ich noch folgendes Ende:
Es mag sein, daß der Adler noch immer mit Heimweh an die Hühner denkt, es mag sein, daß er hin und wieder den Hühnerhof besucht. Doch soweit irgend jemand weiß, ist er nie zurückgekehrt und hat das Leben eines Huhnes wieder aufgenommen.
Es war ein Adler, obwohl er wie ein Huhn gehalten und gezähmt worden war.

Kommentare:

  1. Meine Worte dazu: Erziehung ist wichtig, Ratschlaege geben ist wichtig, gefuehrt zu werden ist wichtig aber nie unter dem Aspekt beschnitten zu werden.



    Ein sehr schoener Post!!!

    Herzliche Gruesse
    Nova

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  2. Liebe Nova, danke für deinen Kommentar. Ich würde gerne das, was ich vermute das du meinst, so ausdrücken:
    Begleitung ist wichtig. Orientierung geben ist wichtig und um dies zu tun, ist es wichtig, die eigenen Grenzen zu zeigen, Bedürfnisse zu äußern und nach den eigenen Werten zu leben. Die eigene Meinung äußern und dazu stehen ist wichtig. Und bei alledem ist es wichtig, die Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche des anderen - ganz gleich wie jung er ist - zu respektieren und seine Würde zu achten. Nicht zuletzt ist es wichtig, den jedem Menschen eigenen Prozess der Persönlichkeitsentfaltung zu respektieren und geschehen zu "lassen" - nach eigenem Tempo!
    Wenn das alles berücksichtigt wird, wenn dies alles gelingt, brauchen wir keine Erziehung mehr. Und umgekehrt brauchen wir "keine Erziehung", damit dies gelingen kann.

    Ich sende herzliche Grüße auf "deine" Insel
    FranKlin

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