Samstag, 1. Dezember 2012

Eine Schulgeschichte - ein wunderbarer Anlass, wichtige Fragen zu stellen!

Vor einigen Wochen hörte ich eine Geschichte, über die ich nur noch staunen konnte. Ich möchte der Mutter noch einmal danken, dass sie diese geteilt hat! Sie erzählte, ihre fünfjährige Tochter wolle unbedingt schon zur Schule gehen und sei nun ein paar Tage probeweise dort gewesen. Nach drei Tagen habe es "schon den ersten Hausaufgabenstress" gegeben: Die Kleine fand es doof, dass in der Schule nur der Zahlenraum bis "6" durchgenommen wurde, obwohl sie doch schon Hunderterzahlen schreiben konnte, und nun sollte sie als Hausaufgabe lauter "5"en schreiben. Sie hat sich daraufhin selbst etwas ausgedacht. 


Wer sich nun über die kreative Problemlösungs-Idee des kleinen Mädchens freut, der möge nun bitte nicht zu sehr erschüttert sein angesichts dessen, wie die Geschichte weiter ging.

Die Lehrerin war nämlich offenbar nicht erfreut über soviel Einfallsreichtum - oder Ungehorsam? abweichendem Verhalten? - denn ihre Reaktion war ein "trauriger Smileystempel auf das nicht fertige '5'-Blatt, mit der Bitte, die Aufgabe noch nachzuholen, da müsse sie jetzt durch und bald - wenn alle fertig wären - würden sie ja auch größere Zahlen schreiben...".


Ich möchte zuerst eine Frage stellen: Warum???

Und bitte: ich wünsche keine sarkastische, fatalistische, resignative oder pessimistische Antwort (davon habe ich selbst genug)! Ist hier jemand - vielleicht ein Lehrer oder jemand vom Schulamt oder einer, der die Bildungspläne entworfen hat, oder sonstwer, der für den Sinn unserer Schulen plädiert - der mir diese Frage ernsthaft beantworten kann und will (und gerne auch weitere)?

Ich habe in einem anderen Beitrag einmal eine Frage gestellt, die hier auch wieder passend ist: 

Wie konnte es dazu kommen, dass unsere Vorstellung von der Bedeutung einer Institution und ihres vermeintlichen Sinnes und Zweckes dazu führt, dass Menschen so wenig "Mensch" sind? Dies könnte man sich in Bezug auf die Reaktion der Lehrerin fragen. Gut, sie folgt "nur" ihrem Bildungsplan und -auftrag, aber:

Herrscht hier nicht offensichtlich eine Vorstellung von "Bildung", die völlig am Wesen dessen vorbeigeht, wie der Mensch sich von Natur aus bildet - ja, die dieses natürliche menschliche Potenzial regelrecht missachtet, ignoriert und zur Unterwerfung unter - ja was eigentlich - zwingt?

Was hat das kleine Mädchen vermutlich aus dieser Erfahrung gelernt? 
Welche Botschaften erhält sie durch die Rückmeldung der Lehrerin?
"Deine Idee zählt nicht!" (= "Du zählst nicht"?)
"Du hast das falsch gemacht!" ("Und das darf nicht sein.")
"Ich sage, wie lernen funktioniert! Ich weiß besser, wie man lernt!"
 "Fehler machen wird bestraft!" (sei froh, dass es nur ein Smiley und keine Note war!)
  "Ich bin enttäuscht." (trauriges Smiley?)
"Es gibt nur einen Weg und du musst dass tun, du hast keine Wahl!"
 (Ist das wirklich wahr? Soll das so sein?)


Was wird geschehen? 
Was geschieht mit und in ihr, wenn sie sich fügt? 
Was geschieht, wenn sie dies nicht tut?


Was geschieht (mit ihr), wenn sie eines Tages sagt: 
"Also, nee, nicht mit mir! Nein, danke! Ich will so lernen, wie ich will - tschüss!"   
 
Und was geschieht dann mit ihren Eltern, sollten sie so weitsichtig und mutig sein, ihrer Tochter in ihrer Willensbekundung ernstzunehmen und ihr auf ihrem Weg beizustehen?


Was ist denn das Ziel? 
Schnellstmögliches Abtöten jeglicher eigener kreativer Impulse?
Demotivation (damit wir dann "Motivationsstrategien" anwenden können)?
Konformität? 
Abhängigkeit vom Urteil anderer? 
Mittelmaß?
 Gleichschaltung (soll das was mit Chancengleichheit zu tun haben)? 
...?

Wozu? 
Und in wessen Interesse ist das Ganze? 

Wer ernsthafte Antworten (oder weitere Fragen) hat, ist herzlich eingeladen, sie hier loszuwerden.

Kommentare:

  1. Solche Erfahrungsberichte habe ich auch - hunderte...

    Was können wir für die Kinder und ihre Familien tun? Was können wir tun, wie vernetzen, wie machen wir uns Mut, wie finden wir Wege? Was tut jeder Einzelne von uns - täglich?

    Wer hat Antworten?

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  2. Vielleicht soll sie lernen ihre Hausaufgaben zu machen.

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    1. a) Warum SOLL sie lernen Hausaufgaben zu machen?

      b) Was war denn im obigen Beispiel der Sinn der Hausaufgabe? Das Kind kann deutlich mehr, als in der Hausaufgabe von ihm verlangt wird.

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  3. Verstehe das Problem nicht, sie hat offensichtlich ihre Hausaufgabe nicht gemacht. Sollen Hausaufgaben jetzt abgeschafft werden?

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    1. Wenn Hausaufgaben der Disziplinierung dienen, sollte man sie ganz dringend abschaffen.

      In Dänemark ist die Erledigung von Hausaufgaben freiwillig. Da kommt deren ursprünglich beabsichtigte Bedeutung wieder zum tragen. Nämlich die Dinge zu wiederholen, die man noch nicht verstanden habe. Nicht das ich glaube Hausaufgaben hätten je eine sinnvolle Bedeutung gehabt; aber sei's drum. In Dänemark werden die Hausaufgaben von durchschnittlich 60% der Schüler gemacht. Das bedeutet 60% der Klasse macht aus "eigenem Antrieb" Hausaufgaben. Ich setzte "eigenem Antrieb" deshalb in Anführungszeichen, weil sie den Lehrstoff in der Schule nicht aus eigenem Antrieb lernen würden. Sie lernen ihn, weil es von ihnen verlangt wird. Da sie (mit schlechten Noten) bestraft werden, sollten sie den Stoff nicht beherrschen, müssen sie ihn notgedrungen - im Notfall auch in Form von Hausaufgaben - lernen.

      Aber in Dänemark hat man, wie in den meisten Ländern dieser Welt, natürlich die Wahl, sich der Beschulung zu entziehen. Es besteht nicht, wie in Deutschland, Schulzwang.

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  4. An die Schreiber der letzten beiden Kommentare: Wenn es Sinn und Zweck ist dem Kind Macht zu demonstrieren, dann könnte man versuchen, das über eine solche Hausaufgabe zu tun. Das ist aber alles. Und es ist wundervoll, wenn Kinder sich dem nicht resignierend unterwerfen. Diese Aufgabe besitzt doch null Lern- oder Motivationseffekt für ein Kind, welches das schon beherrscht.

    Mal in Erwachsenensprache übersetzt: Wenn deine Aufgabe ist, ein Abendessen zuzubereiten und es steht bereits ein fertiges und lecker riechendes und schmeckendes Gericht in ausreichender Menge für alle Gäste zur rechten Zeit auf dem Tisch, gehst du trotzdem in die Küche und kochst nochmal?

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    1. Der Vergleich inspiriert mich... man könnt auch anders fragen: wenn ich für ein paar Freunde Abendessen zubereiten will, könnte ich so was standardmäßiges wie Nudeln mit Tomatensoße (und nichts gegen Nudeln mit Tomatensoße) kochen - oder was anderes nach Rezept... oder ich komme auf die Idee etwas ganz Eigenes, Kreatives, vielleicht Neuartiges zu kreieren und sie damit zu bezaubern... Ich könnt statt der Fertigpizza nach Anleitung eine völlig selbstgemachte Pizza backen... keine Ahnung, worüber sie sich mehr freuen würden, was besser schmecken würde, was mir mehr Spaß machen würde? Aber schön, dass ich wählen kann! Ob jemand hinterher meckert, dass ich nix Standardmäßiges gekocht habe?...

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  5. Diese beiden Antworten mit den Hausaufgaben demonstrieren doch nur, wie abgestumpft wir die Schule verlassen. Wir hinterfragen die Lehrmethoden nicht. Warum auch? Es sind ja Fachleute, die sie sich ausgedacht haben; also wird es schon richtig sein. Die Sinnhaftigkeit von Hausaufgaben wird gar nicht hinterfragt. Wenn ein Kind nachweislich den Satz: "MAMMA IST LIEB." schreiben kann, muss man doch an den geistigen Fähigkeiten des Lehrpersonals zweifeln, wenn es als Hausaufgabe das mehrmalige Schreiben der Silbe "MA" aufgibt.

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