Sonntag, 24. November 2013

Gute Frage: Macht es jetzt Sinn, diese 3 Jahre nur was für die Schule zu tun?

Gefunden unter gutefrage.net:

Hallo Leute,
zur Zeit denke ich viel nach.. eigentlich schon viel zu viel. Jetzt ist mir etwas aufgefallen. Ich bin jetzt in der 9. Klasse, d.h. ich muss noch ca. 3 Jahre zur Schule.. danach will ich weit weg von hier! Dahin wo mich keiner kennt und einfach mein Leben leben.. Ich hab mir vorgenommen ein super Abi hinzulegen, dass ich jeden Job haben kann, den ich will. Denn diese 3 Jahre entscheiden ja irgendwie über mein ganzes Leben. Macht es jetzt Sinn, diese 3 Jahre nur was für die Schule zu tun? Natürlich auch mal mit Freunden treffen, aber jetzt nicht jeden Tag. Oder werde ich es irgendwann bereuen, dass ich meine Jugend nicht genutzt habe und sie nicht genossen habe??
Ich weiß nicht was ich machen soll .. 
 
Und beantwortet mit:

Ich kann Deine Gedanken und Fragen gut verstehen. Ich möchte Dich aber gern auf zwei Irrtümer hinweisen, von denen Du meiner Meinung nach ausgehst (zumindest, wenn ich Deine Worte ernst nehme): Ein super Abi (was Dir nicht garantiert ist) ist keine Garantie, dass Du jeden Job haben kannst, den Du willst! Es ist nicht einmal eine Garantie, dass Du überhaupt einen Job bekommst (das war früher mal so - heute nicht mehr).
Und zweitens - und dies zu Deiner Beruhigung: die nächsten 3 Jahre entscheiden nicht über Dein Leben! Du bist es, der es lebt und jeden Tag entscheidest Du Dich tausendfach für oder gegen etwas - und jeden Tag hast Du die Chancen, Dich für dasselbe oder für anderes zu entscheiden!


Ich würde Deine Frage, ob es Sinn macht, diese 3 Jahre nur was für die Schule zu tun, ganz klar mit "Nein" beantworten. Viele der beeindruckendsten Menschen, die ich in den letzten Jahren kennengelernt habe, haben kein gutes Abitur, teilweise nicht einmal überhaupt eines - manche nicht einmal einen Abschluss...
Wenn Du Dich lieber darauf konzentrierst, was Du gerne machst, was Dich interessiert, was Du gut kannst - wenn Du hinterher nicht nur eine Zahl vorzuweisen hast, sondern Dich als die einzigartige, interessierte und für bestimmte Dinge begeisterte Person zeigen kannst, die Du bist, dann hast Du gute Chancen ...
Das Leben funktioniert nicht so, wie uns oft vorgegaukelt wird. Erfolg und Glück sind nicht an Paukerei in der Schule geknüpft.

Zur Inspiration und Entscheidungsfindung mag ich Dir zwei Lesetipps geben: Das Teenager Befreiungs Handbuch von Grace Llewellyn (egal, wie und wofür Du Dich entscheidest, dieses Buch ist in mehrerlei Hinsicht ein Schatz! Ich habe es mit 30 Jahren gelesen - und wünschte, ich hätte es in Deinem Alter gekannt.) Der zweite Lesetipp ist dieser Artikel zum Thema "Schulstress".

Egal, wofür Du Dich jeden Tag auf's Neue entscheidest, entscheide aus ganzem Herzen - dann bereust Du hinterher nichts. Es kann im Nachhinein immer gesagt werden, was anderes wäre vielleicht besser gewesen, aber woher wollte man das wissen? Du würdest es bereuen, wenn Du im Nachhinein sagen müsstest: "Ach, eigentlich hätt ich es doch schon immer gern anders gemacht, aber ..."

Lebe, begeistere Dich, bilde Dich, genieß Dein Leben - nicht nur in den nächsten 3 Jahren... dann wirst Du Deinen Weg finden und er Dich!

Alles Liebe und Gute
Franklin

Freitag, 15. November 2013

Über die Freiheit, etwas abbrechen und weggehen zu können

Der Psychologe Prof. Dr. Peter Gray schrieb einen wundervollen Artikel mit dem Titel The Most Basic Freedom Is Freedom To Quit (Die grundlegendste aller Freiheiten ist die Freiheit, etwas abbrechen und weggehen zu können), in welchem er beschreibt, was es für die Mitglieder einer Gemeinschaft bedeutet, wenn jeder Einzelne diese Freiheit hat - oder eben nicht hat - und welche Auswirkungen dies auf das Vorkommen von Gewalt hat. So naheliegend und faszinierend zugleich!

Den Abschnitt, in welchem er beschreibt, welche traurigen Folgen es für Kinder hat, dass sie diese Freiheit eben nicht haben, möchte ich hier darstellen. Den kompletten Artikel findest Du hier.

Im Allgemeinen sind Kinder die Gruppe Menschen, die am meisten Gewalt erfährt, nicht etwa, weil sie klein und schwach sind, sondern weil ihnen nicht – etwa wie Erwachsenen – dieselben Freiheitsrechte eingeräumt werden, insbesondere die Freiheit wegzugehen. Anthropologen zufolge ist dies in Jäger-und-Sammler-Kulturen nicht in gleichem Maß der Fall: Dort werden Kindern annähernd dieselben Möglichkeiten zugestanden wie Erwachsenen. Kinder, die von ihren Eltern lieblos behandelt werden, können in eine andere Hütte ziehen zu anderen Erwachsenen, die sie freundlich behandeln. Sie können sogar in eine andere Gemeinschaft ziehen. Jäger und Sammler sind nicht der Ansicht, dass Eltern ihre Kinder besitzen. Beinah jeder genießt die Gegenwart der Kinder und die gesamte Gemeinschaft teilt sich die Pflege eines jeden Kindes; Kinder sind dort keine Last. Sogar sehr junge Kinder, die von einem Elternteil oder einer anderen Pflegeperson misshandelt werden, können von dieser versorgenden Person wegziehen oder woandershin mitgenommen werden und Sicherheit in den Armen anderer finden. Dies trifft auf unsere Gesellschaft nicht zu, und häusliche Gewalt gegenüber Kindern ist hier ein ernstzunehmendes und anhaltendes Problem.
Aber nun möchte ich mich der Gewalt zuwenden, die wir unseren Kindern zufügen, indem wir sie in Schulen zwingen. Wenn der Schulbesuch verpflichtend ist, sind Schulen definitionsgemäß Gefängnisse. Ein Gefängnis ist ein Ort, an dem jemand sich zwangsweise aufhält und an dem Menschen ihre Aktivitäten, (Spiel)Räume oder Partner nicht selbst wählen dürfen. Kinder können die Schule nicht verlassen und innerhalb der Schule können sie gemeinen Lehrern, unterdrückenden und sinnlosen Aufgaben oder grausamen Klassenkameraden nicht entgehen. Für manche Kinder ist der einzige Ausweg – der einzige wirkliche Weg zu gehen – der Selbstmord. In ihrem Buch The Scarred Heart („Das vernarbte Herz“) beschreibt die Autorin Helen Smith den Suizid eines 13jährigen Mädchens, welches in der Schule regelmäßig gemobbt wurde: „Nachdem sie 53 der erforderlichen 180 Schultage versäumt hatte, wurde ihr gesagt, sie müsse in die Schule zurückkehren oder vor einem Gremium für Schulschwänzer erscheinen, welches sie in eine Jugendstrafanstalt schicken könnte. Sie entschied, die bessere Alternative sei, in ihr Schlafzimmer zu gehen und sich mit einem Gürtel zu erhängen. … In früheren Zeiten hätte sie einfach die Schule abbrechen können, aber heute sind Kinder wie sie durch die Schulpflicht gefangen.“
Es ist schon viel gesagt worden über Mobbing in der Schule und andere Probleme, die mit Schule zusammenhängen, wie allgemeine Unzufriedenheit von Schülern, Langeweile und Zynismus. Bisher hat niemand einen Weg gefunden, diese Probleme zu lösen, und niemand wird einen solchen jemals finden, bis wir Kindern die Freiheit zugestehen wegzugehen. Um diese Probleme endlich und endgültig zu lösen, gibt es keine andere Möglichkeit, als den Zwang abzuschaffen.
Wenn Kinder wirklich die Freiheit haben, sich von der Schule zu verabschieden, wird das Weiterbestehen der Schulen davon abhängen, dass sie zu kinderfreundlichen Orten werden. Kinder lieben es zu lernen, jedoch hassen sie es – wie wir alle! – gezwungen, penibel überwacht und andauernd bewertet zu werden. Sie lieben es, auf ihre eigene Weise zu lernen, nicht auf eine Art, die andere ihnen aufzwingen. Schulen werden – wie alle Institutionen – nur dann zu ethisch vertretbaren (Bildungs-)Einrichtungen werden, wenn die Menschen, denen sie dienen, nicht länger deren Häftlinge sind. Wenn Schüler die Freiheit haben wegzugehen, werden Schulen ihnen weitere grundlegende Menschenrechte zugestehen müssen, etwa das Mitspracherecht bei Entscheidungen, die sie betreffen, das Recht auf Redefreiheit, die Versammlungsfreiheit und das Recht, ihren eigenen Weg zum Glücklichsein zu wählen. Solche Schulen hätten keinerlei Ähnlichkeit mehr mit den trostlosen Institutionen, die wir heute „Schulen“ nennen.


Vor zwei Jahren veröffentlichte ich hier einen Beitrag mit ähnlichem Inhalt: "Du musst doch mal etwas zu Ende bringen, was Du angefangen hast!"

Dienstag, 5. November 2013

Das tägliche Leid ...

In den letzten Wochen häuften sich Nachrichten an mich von Menschen, die mir von Dingen berichten, die mich sehr betroffen machten.

Ein Blitzlicht

K. schreibt:
Nun ist es so, dass meine Tochter seit einer Weile nicht mehr in die Schule will/kann... sie zögerte, wendete sich ab, wollte nicht ist Gebäude, weinte und hielt sich an mir fest.
"Wenn ich drin bin, kann ich nicht mehr raus."
"Es geht da nicht ums lernen, es geht ums quälen!"

Ich fühle genau um was es geht und da ich sie wiederholt nicht dagelassen habe gegen den Rat der Schule (Mutti geht jetzt ganz schnell...) drohten sie inzwischen sehr massiv.

Nun soll ich sie unbedingt Montag nach den Ferein in die verhasste Schule bringen, sonst droht Anzeige beim Jugendamt.
und eine Woche später:
Meine Tochter ist jetzt 9 und nach der Klassenfahrt im letzten Jahr war zu bemerken, dass sie eine Überdosis bekommen hat. So kam es mir vor. Da schlug die Stimmung/Verfassung um. Der sonst noch kreative Umgang mit den Anforderungen, wo noch eine gelegendliche Auszeit half, bekam eine eindeutig depressive Note. 


Ich erzähle sehr gerne bei Gelegenheit mehr, es tut gut zu schreiben, zu erzählen. Ich bin doch überrascht, wie schnell sich das Ganze entwickelt hat und wie lange wir standgehalten und tapfer verdrängt haben... wie extrem groß und umfassend die Angst ist, wie extrem bedrohlich.

 Ein weiteres Zitat dieses 9jährigen Mädchens:
"Wenn wir etwas gut machen werden wir gelobt, wenn wir etwas falsch machen werden wir angemeckert - aber was wir brauchen, kriegen wir nicht."
K.:
Ein anderer Satz, den sie sagte, war "Ich bin nicht zum Lesen lernen auf die Welt gekommen!" Damals war sie damit noch selbstbewusst. Doch es ist schwer sich unter dem Druck, auch wenn er damals noch vergleichsweise "sanft" war,  aufrecht zu erhalten.


 *** 
T. schreibt:
Mensch, ich habe R. (10) vorhin gegen ihren Willen in die Schule schicken müssen (habe – wie immer – versucht es ihr zu erklären und ihr versichert, dass wir mit Hochdruck an einer Lösung arbeiten!) Langsam wird es eng, denn jeder einzige Tag, den R. fehlt, geht bereits über den Schulleiter. Schon längst gibt es kein „gute Besserung!“ mehr, wenn R. krank ist. Wegen einer Freistellung hatte ich ein riesiges Theater und musste laut Klassenlehrer die schriftliche Erlaubnis des Schulleiters abwarten.  Die letzten ärztlichen Bescheinigungen musste R. nach ihrer Rückkehr selbst zum Schulleiter bringen (total unüblich) und er hat sie auch gefragt, wie es ihr geht…

R. wurde gestern im Schulbus in den Arm gebissen, andere Kinder geschlagen und getreten. Kennst ja sicher diese Kleinbusse, das Stigma eines jeden Kindes, das damit zum Besuch der Sonderschule (die man ja jetzt „Förderschule“ nennt) abgeholt wird. Die Begleiterin konnte wohl gar nicht so schnell hinterher während der Fahrt, nachdem sich der Junge einmal abgeschnallt hatte und einen nach dem anderen angriff.
Ich fragte R., ob sie eine Idee bzgl. der Ursache hätte: „Hat ihn jemand geärgert, oder was glaubst Du, warum er das gemacht hat? Und warum denkst Du, hat er auch Dich gebissen?“
R.'s Antwort: „Weil ich ganz in seiner Nähe gesessen habe, Mama. Weißt Du, der XY will immer gerne bei seiner Mama bleiben und dann schreit er, dass er bei der Mama bleiben will und deshalb bringt ihn jetzt sein Papa bis ins Auto.“
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"Mit durchschnittlich jeder vierten Lehrer-Schüler-Interaktion ist eine Verletzung verbunden und in durchschnittlich jeder sechzehnten pädagogischen Interaktion erleben die Lernenden die starke Missachtung eines Mitschülers durch eine Lehrkraft." (so heißt es in diesem Artikel)

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P. schreibt:
Ich dachte des öfteren an Dich, besonders seitdem mein 11 jähriger auf die weiterführende Schule geht. Es ist schwierig und nur durch (viele) Fehlzeiten zu überstehen.
Obwohl diese Schule integrativ arbeitet und sicherlich das absolute geringere Übel ist, ist es eben das geringere Übel....

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Ein 18jähriges Mädchen, fuhr nach einem Treffen auf einem Bildungskongress ermutigt nach Hause mit neuen Erkenntnissen und Ideen, in Freude auf all die Dinge, die sie nun tun könne mit all der Zeit, die ihr zur Verfügung steht (zum Beispiel ehrenamtlich arbeiten, ein Praktikum, Reisen, Vorlesungen an der Uni besuchen, Lesen ...). Sie schrieb mir ein paar Wochen später:

Mir geht es recht gut, da ist nur immer noch das Problem Schule. Ich will zwar nicht mehr hin, weil das Schulsystem eben so ist, wie es ist, aber es gibt noch ein paar Fächer, die mich interessieren. Naja und da ich HartzIV bekomme, kann ich nicht einfach so abbrechen, sondern müsste dann entweder gleich eine Ausbildung machen oder arbeiten. Deswegen mach ich das Jahr noch fertig und bemüh mich in den Fächern, die ich mag und der Rest - naja, anwesend muss ich wohl sein ... Mir kommt jedoch das Jahr unter diesen Bedingungen viel länger vor und ich hab keine Ahnung, wie ich das durchhalten soll.
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Die kleine N. (9) sitzt vor mir neben ihrer Mutter. Sie wirkt bedrückt, traurig, ist sehr still. Sie ist sehr zurückhaltend mit Antworten, kann meine Frage, was ihr gefalle oder besonders schwer falle kaum beantworten.
Ihre Mutter erzählt, N. sei total schlecht in der Schule geworden, die Lehrerin spreche sie ständig deswegen an. Es habe eigentlich bisher keine nennenswerten Schwierigkeiten gegeben, aber jetzt in der 3. Klasse habe sie nur schlechte Noten und eine 6 in Mathe geschrieben. Sie konzentriere sich nicht, vergesse Hausaufgaben, "sie kann überhaupt nicht mehr“.
N. sagt, sie denkt, sie sei schlecht - die Schlechteste!
Ihr fällt nichts ein, was sie gern in ihrer Freizeit macht ... später erwähnt sie fast nebenbei, dass sie total gern Tierfilme und Dokusendungen guckt.
Ich weiß eigentlich nicht wirklich, was ich N. raten soll. Am liebsten würde ich ihr sagen, sie solle nicht auf all den Blödsinn hören, den die Leute ihr sagten: was sie alles nicht könne! Und wie es überhaupt sein kann, dass jemand, der 9 Jahre alt ist, eine 6 in Mathe bekommt!?
Und dass es normal ist, sich nicht konzentrieren zu können, wenn man unter Druck steht, unter Begutachtung. Wenn man sich dumm fühlt, Angst hat ..., denkt "das kann ich nicht, ich bin schlecht"! Niemand kann sich unter solchen Umständen gut konzentrieren!!!

Und sowas sage ich ihr auch. Und dass sie sich auf die Dinge konzentrieren soll, die sie interessieren, die ihr Freude machen, die sie kann! Aber ich hab gut reden, ich muss mir nicht jeden Tag etwas anderes einreden lassen ...

Viel später, nachdem N. längst wieder nach Hause gegangen ist, fällt mir ein, dass ich etwas vergessen habe: Ich habe vergessen, sie zu fragen, wer in ihrer Klasse denn schon fließend drei Sprachen kann, denn sie wächst ja dreisprachig auf - aber das interessiert in der Schule niemanden ...

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Ich denke über Freiheit nach, über Vertrauen, über die Menschenwürde, über Selbstbestimmtheit ... über Kindeswohlgefährdung ... und darüber, welches Leid es wohl noch so geben mag: jeden Tag auf's Neue ...