Dienstag, 5. November 2013

Das tägliche Leid ...

In den letzten Wochen häuften sich Nachrichten an mich von Menschen, die mir von Dingen berichten, die mich sehr betroffen machten.

Ein Blitzlicht

K. schreibt:
Nun ist es so, dass meine Tochter seit einer Weile nicht mehr in die Schule will/kann... sie zögerte, wendete sich ab, wollte nicht ist Gebäude, weinte und hielt sich an mir fest.
"Wenn ich drin bin, kann ich nicht mehr raus."
"Es geht da nicht ums lernen, es geht ums quälen!"

Ich fühle genau um was es geht und da ich sie wiederholt nicht dagelassen habe gegen den Rat der Schule (Mutti geht jetzt ganz schnell...) drohten sie inzwischen sehr massiv.

Nun soll ich sie unbedingt Montag nach den Ferein in die verhasste Schule bringen, sonst droht Anzeige beim Jugendamt.
und eine Woche später:
Meine Tochter ist jetzt 9 und nach der Klassenfahrt im letzten Jahr war zu bemerken, dass sie eine Überdosis bekommen hat. So kam es mir vor. Da schlug die Stimmung/Verfassung um. Der sonst noch kreative Umgang mit den Anforderungen, wo noch eine gelegendliche Auszeit half, bekam eine eindeutig depressive Note. 


Ich erzähle sehr gerne bei Gelegenheit mehr, es tut gut zu schreiben, zu erzählen. Ich bin doch überrascht, wie schnell sich das Ganze entwickelt hat und wie lange wir standgehalten und tapfer verdrängt haben... wie extrem groß und umfassend die Angst ist, wie extrem bedrohlich.

 Ein weiteres Zitat dieses 9jährigen Mädchens:
"Wenn wir etwas gut machen werden wir gelobt, wenn wir etwas falsch machen werden wir angemeckert - aber was wir brauchen, kriegen wir nicht."
K.:
Ein anderer Satz, den sie sagte, war "Ich bin nicht zum Lesen lernen auf die Welt gekommen!" Damals war sie damit noch selbstbewusst. Doch es ist schwer sich unter dem Druck, auch wenn er damals noch vergleichsweise "sanft" war,  aufrecht zu erhalten.


 *** 
T. schreibt:
Mensch, ich habe R. (10) vorhin gegen ihren Willen in die Schule schicken müssen (habe – wie immer – versucht es ihr zu erklären und ihr versichert, dass wir mit Hochdruck an einer Lösung arbeiten!) Langsam wird es eng, denn jeder einzige Tag, den R. fehlt, geht bereits über den Schulleiter. Schon längst gibt es kein „gute Besserung!“ mehr, wenn R. krank ist. Wegen einer Freistellung hatte ich ein riesiges Theater und musste laut Klassenlehrer die schriftliche Erlaubnis des Schulleiters abwarten.  Die letzten ärztlichen Bescheinigungen musste R. nach ihrer Rückkehr selbst zum Schulleiter bringen (total unüblich) und er hat sie auch gefragt, wie es ihr geht…

R. wurde gestern im Schulbus in den Arm gebissen, andere Kinder geschlagen und getreten. Kennst ja sicher diese Kleinbusse, das Stigma eines jeden Kindes, das damit zum Besuch der Sonderschule (die man ja jetzt „Förderschule“ nennt) abgeholt wird. Die Begleiterin konnte wohl gar nicht so schnell hinterher während der Fahrt, nachdem sich der Junge einmal abgeschnallt hatte und einen nach dem anderen angriff.
Ich fragte R., ob sie eine Idee bzgl. der Ursache hätte: „Hat ihn jemand geärgert, oder was glaubst Du, warum er das gemacht hat? Und warum denkst Du, hat er auch Dich gebissen?“
R.'s Antwort: „Weil ich ganz in seiner Nähe gesessen habe, Mama. Weißt Du, der XY will immer gerne bei seiner Mama bleiben und dann schreit er, dass er bei der Mama bleiben will und deshalb bringt ihn jetzt sein Papa bis ins Auto.“
***

"Mit durchschnittlich jeder vierten Lehrer-Schüler-Interaktion ist eine Verletzung verbunden und in durchschnittlich jeder sechzehnten pädagogischen Interaktion erleben die Lernenden die starke Missachtung eines Mitschülers durch eine Lehrkraft." (so heißt es in diesem Artikel)

***

P. schreibt:
Ich dachte des öfteren an Dich, besonders seitdem mein 11 jähriger auf die weiterführende Schule geht. Es ist schwierig und nur durch (viele) Fehlzeiten zu überstehen.
Obwohl diese Schule integrativ arbeitet und sicherlich das absolute geringere Übel ist, ist es eben das geringere Übel....

***

Ein 18jähriges Mädchen, fuhr nach einem Treffen auf einem Bildungskongress ermutigt nach Hause mit neuen Erkenntnissen und Ideen, in Freude auf all die Dinge, die sie nun tun könne mit all der Zeit, die ihr zur Verfügung steht (zum Beispiel ehrenamtlich arbeiten, ein Praktikum, Reisen, Vorlesungen an der Uni besuchen, Lesen ...). Sie schrieb mir ein paar Wochen später:

Mir geht es recht gut, da ist nur immer noch das Problem Schule. Ich will zwar nicht mehr hin, weil das Schulsystem eben so ist, wie es ist, aber es gibt noch ein paar Fächer, die mich interessieren. Naja und da ich HartzIV bekomme, kann ich nicht einfach so abbrechen, sondern müsste dann entweder gleich eine Ausbildung machen oder arbeiten. Deswegen mach ich das Jahr noch fertig und bemüh mich in den Fächern, die ich mag und der Rest - naja, anwesend muss ich wohl sein ... Mir kommt jedoch das Jahr unter diesen Bedingungen viel länger vor und ich hab keine Ahnung, wie ich das durchhalten soll.
 ***
Die kleine N. (9) sitzt vor mir neben ihrer Mutter. Sie wirkt bedrückt, traurig, ist sehr still. Sie ist sehr zurückhaltend mit Antworten, kann meine Frage, was ihr gefalle oder besonders schwer falle kaum beantworten.
Ihre Mutter erzählt, N. sei total schlecht in der Schule geworden, die Lehrerin spreche sie ständig deswegen an. Es habe eigentlich bisher keine nennenswerten Schwierigkeiten gegeben, aber jetzt in der 3. Klasse habe sie nur schlechte Noten und eine 6 in Mathe geschrieben. Sie konzentriere sich nicht, vergesse Hausaufgaben, "sie kann überhaupt nicht mehr“.
N. sagt, sie denkt, sie sei schlecht - die Schlechteste!
Ihr fällt nichts ein, was sie gern in ihrer Freizeit macht ... später erwähnt sie fast nebenbei, dass sie total gern Tierfilme und Dokusendungen guckt.
Ich weiß eigentlich nicht wirklich, was ich N. raten soll. Am liebsten würde ich ihr sagen, sie solle nicht auf all den Blödsinn hören, den die Leute ihr sagten: was sie alles nicht könne! Und wie es überhaupt sein kann, dass jemand, der 9 Jahre alt ist, eine 6 in Mathe bekommt!?
Und dass es normal ist, sich nicht konzentrieren zu können, wenn man unter Druck steht, unter Begutachtung. Wenn man sich dumm fühlt, Angst hat ..., denkt "das kann ich nicht, ich bin schlecht"! Niemand kann sich unter solchen Umständen gut konzentrieren!!!

Und sowas sage ich ihr auch. Und dass sie sich auf die Dinge konzentrieren soll, die sie interessieren, die ihr Freude machen, die sie kann! Aber ich hab gut reden, ich muss mir nicht jeden Tag etwas anderes einreden lassen ...

Viel später, nachdem N. längst wieder nach Hause gegangen ist, fällt mir ein, dass ich etwas vergessen habe: Ich habe vergessen, sie zu fragen, wer in ihrer Klasse denn schon fließend drei Sprachen kann, denn sie wächst ja dreisprachig auf - aber das interessiert in der Schule niemanden ...

 ***

Ich denke über Freiheit nach, über Vertrauen, über die Menschenwürde, über Selbstbestimmtheit ... über Kindeswohlgefährdung ... und darüber, welches Leid es wohl noch so geben mag: jeden Tag auf's Neue ... 
 

Kommentare:

  1. teresa eigenmacht7. November 2013 um 12:42

    Ja, Franklin, und so wird Tag für Tag tausendmal das Recht gebeugt und die "alten Hasen" im Lehrerberuf lehren die jungen Kollegen, wie man sich unangreifbar macht:

    Das sollten Schüler und Eltern wissen, finde ich!

    Quelle: http://www.lehrerfreund.de/schule/1s/tipps-lehrer-bestrafen

    Hier ein Kommentar von dieser Seite:
    (#1) Mister M. meinte am 20.06.2009, 15:58 dazu
    Der wichtigste Tipp fehlt allerdings:
    Die Erziehungs- oder Ordnungsmaßnahme niemals “Strafe” nennen. Denn “Strafen” gibt’s laut Schulgesetz nicht…


    Auch das steht so auf lehrerfreund.de:

    Tipps zum richtigen Bestrafen

    ... im Regelschulbetrieb gibt es hin und wieder Situationen, in denen die Lehrer/in eine Strafmaßnahme durchführen muss. Das ist unvermeidlich.
    Schüler/innen akzeptieren Strafen nur dann, wenn sie diese als gerecht wahrnehmen. Durch nicht korrekt durchgeführte Strafmaßnahmen kann sich das Verhältnis zu den Schüler/innen außerordentlich verschlechtern. Um dies zu vermeiden, orientieren Sie sich an den folgenden Tipps.

    1. Strafen Sie transparent
    Obwohl es sich bei der Strafe um einen “aggressiven Akt” (Wikipedia: Strafe) handelt, dient sie einem konstruktiven Zweck (z.B. Sicherung der Unterrichtsqualität). ....
    ... Die Schüler/in muss die Möglichkeit haben, die Strafmaßnahme zu vermeiden - oder sie billigend in Kauf zu nehmen.

    2. Strafen Sie berechenbar
    Wenn Sie eine Drohung aussprechen, müssen Sie sie im Aktivierungsfall konsequent realisieren. Das macht Sie berechenbar und enthebt Sie dem Vorwurf der Willkür.
    ... Machen Sie klar, dass diese Regeln der Aufrechterhaltung der Ordnung dienen und nicht der Befriedigung Ihrer sadistischen Gelüste. Stellen Sie die Regeln gemeinsam mit der Klasse auf.

    3. Strafen Sie emotionslos
    ...Wenn Sie die Strafmaßnahme explizit angedroht haben und sie vermeidbar gewesen wäre, dann ist die Bestrafung eine unangenehme Formsache, die sachlich-kühl erledigt werden kann. Geben Sie der bestraften Person gerne den Hinweis, dass die Bestrafung keine persönliche Wertung Ihrerseits darstellt und dass Ihnen die Bestrafung keinerlei Vergnügen bereitet - aber es gibt nun keine Alternative mehr.

    4. Strafen Sie sinnvoll
    ... 15 Seiten aus dem Geschichtsbuch abschreiben ist fast nie angemessen und zudem völlig sinnfrei. Das wird bei der bestraften Schüler/in negative Emotionen Ihrer Person gegenüber wecken. Stellen Sie bei Ihren Strafen nach Möglichkeit einen Unterrichtsbezug her.

    5. Strafen Sie rückstandslos
    Durch das Verhängen der Strafe haben Sie das letzte Mittel gewählt. ... Nehmen Sie keine emotionalen Reste mit in die nächste Runde - dieses Recht hat sich die Schüler/in durch das Absitzen oder Ableisten der Strafe verdient.
    ......


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  2. teresa eigenmacht7. November 2013 um 13:19

    Fortsetzung:

    Strafen gibt es also schon, aber die Vollstrecker sollten peinlichst genau auf die Terminologie achten, das steht in diesem Artikel, der den Kommentar von Mister M. dankbar aufgreift:

    http://www.lehrerfreund.de/schule/1s/strafe-paedagogisches-mittel/3731

    Dies alles findet nun schon seit längerem ohne mich statt. Auch wenn der drohedee Sorgerechtsentzug derzeit noch wie der Schießbefehl an der Beliner Mauer über jemandem schwebt, der Menschenrechte auch auf ein "Kind" und auch in der Schule angewendet wissen will. Und ich zähle mit Sicherheit zu den Müttern, über die Lehrer sich nun in blogs auslassen, weil ihnen im Gespräch die Spucke weg bleibt, wenn Eltern es plötzlich wagen, sich das Demütigen und Bestrafen der Töchter und Söhne verbitten.

    Jede/r dieser täglich Gedemütigten ist eine/r von sehr, sehr vielen! Glaubt also nicht, Ihr Schüler, wenn man Euch weismachen will, Ihr seid der berühmte "Einzelfall", der es verdient hat, so behandelt, also bestraft zu werden.

    Wo sind die Menschen, die ebenfalls "Nein" sagen? Wo sind diejenigen, die sich nicht mehr von leidenden Lehrern einlullen lassen, die durch geschicktes Vertauschen von Ursache und Wirkung denken, feige in die Opfer-Rolle fliehen zu können - jetzt, wo sich die Lage an den Schulen zuspitzt.

    Das Leiden dieser Lehrer ist durchaus "echt", nur liegt dieses Leid einzig und alleine im Verlust von Macht, der sie gerne den Zweit-Namen "Respekt (vor Autoritätspersonen)" verleihen. Denn daran leidet nun einmal jeder sehr, der diese Macht wie die Luft zum Atmen braucht. Dabei ist es ein Machtverlust gegenüber den Schülern, die einfach nur mit den gleichen Mitteln auf Erlebtes re-agieren. Auf diese Weise schlägt auch nur ein Bruchteil der Demütigungen, die diese Lehrer den Schülern zugefügt haben, nun auf diese zurück und alle jene zetern nun, zweifeln plötzlich an ihrer Berufswahl. Eine Berufswahl, die doch bisher über 100 Jahre immer absolut sicherstellte, dass man nicht nur tagein tagaus die Macht über die Schüler und die Eltern hat. Ganze Lebenswege sind von diesen Personen und ihrer Willkür entschieden worden.

    Und genauso haben Erwachsene (und sicher auch Eltern, aber hier geht es um den Tatort "Schule") es zu verantworten, dass diese Schüler nun zum zweiten Mal die Opfer sind, indem sie unfreiwillig zu Tätern werden, weil kaum jemand sehen will, dass sie doch nur zurückschlagen.

    Die Schule und ihre ausführenden Organe geben nun den Elternhäusern die Schuld am "Konfliktfeld Schule". Wenn das so ist, dann gebt doch die Schüler frei! Gebt das Problem an die Eltern zurück und verdonnert die ach so (erziehungs-)unfähigen Mütter und Väter doch zur Bildungsflicht gegenüber ihren Töchtern und Söhnen!

    Aber nein, denn Lehrer und alle Vertreter des Schulwesens ahnen zurecht: Ein Schüler kann es ohne Lehrer ganz gut aushalten. Aber was ist ein Lehrer ohne Schüler? Also, dann doch lieber Schulpflicht und tägliche Krawalle und viel darüber jammern, als mit ansehen zu müssen, wie einem die Schüler (und der Macht) davonlaufen würden, wenn die jungen Menschen doch nur die Wahl hätten...






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